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Kurzchronik

Historik

Es war sicher nicht nur der Wunsch nach Geselligkeit und Unterhaltung, die die 24 Landsleute aus Bayern im Januar 1906 dazu trieb, den Bayernverein “Edelweiß“ Untertürkheim zu gründen. Hauptmotivation zur Gründung dürfte der Wunsch bzw. die Notwendigkeit zur Integration in der neuen Heimat gewesen sein, die gegenseitige Unterstützung, die sich die bayerischen “Armuts-emigranten“ zu Teil werden lassen wollten und die Hilfe bei Wohnungs- und Unterkunftssuche für Neuankömmlinge. Dies und die Sehnsucht nach der verlassenen Heimat, den gewohnten Klängen der Sprache und der Musik führte zur Gründung des Bayernvereins Untertürkheim. Zum zentralen Thema dürfte die Pflege des Brauchtums, d. h. die Pflege des Volkstanzes, der Volksmusik und des Volksliedes sowie die Erhaltung der Tracht allerdings erst viel später, in den zwanziger Jahren, geworden sein. Denn die Anschaffung bzw. Gründung der heute typischen „Vereinsmerkmale“ fiel in diese Zeit: 1924 Anschaffung einer Vereinsstandarte, 1928 Gründung der Plattlergruppe, ebenfalls in den 20er Jahren Anschaffung der ersten Trachten. Leider ist bis Ende 1945 nicht sehr viel überliefert, da die meisten Unterlagen im 2. Weltkrieg einem Brand zum Opfer fielen. Bekannt ist, dass während des 3. Reiches durch das Gleichstellungsgesetz aus dem Bayernverein Untertürkheim die Trachtengemeinschaft Untertürkheim wurde und sich die Mitglieder direkt nach dem 2. Weltkrieg daran machten, die Vereinsarbeit wieder aufzunehmen. 1946 erteilte die Militärregierung die erste Genehmigung zur Durchführung von Versammlungen und Übungsabenden. In den 50er Jahren landeten wiederum viele Bayern auf der Suche nach Arbeit in Untertürkheim, was zur weiteren Stärkung des Vereins führte.

Auch heute noch steht die Pflege von Schuhplattler, Volkstanz, traditioneller Musik und Tracht an erster Stelle, auch wenn es immer schwerer wird, den Nachwuchs bei der Stange zu halten. Es finden aber auch regelmäßig Rentnertreffen statt und die Freunde des bayrischen Nationalkartenspiels “Schafkopf“ frönen ebenfalls regelmäßig ihrer Leidenschaft.

Der Bayernverein ist jedoch nicht als einzelne Erscheinung in der schwäbischen Umgebung zu sehen. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als der industrialisierte Südwesten viele Arbeitskräfte anzog, bis in die zwanziger Jahre hinein, wurden zahlreiche ähnliche Vereine gegründet, die sich zusammengeschlossen haben, zuerst im Bund der Bayernvereine, später dann im Südwestdeutschen Gauverband der Heimat- und Trachtenvereine, in dem die landsmannschaftlichen gemeinsam mit den schwäbischen Vereinen in Sachen Brauchtum zusammenarbeiten, und in dem Mitglieder des Bayernverein Untertürkheim seit 50 Jahren an maßgeblicher Stelle mitarbeiten.

Vereinsleben

Höhepunkte des Vereinslebens sind sicher die diversen Kontakte und Reisen zu anderen in- und ausländischen Trachtengruppen. So konnte die Plattler- und Volkstanzgruppe nach Rumänien, Frankreich und Dänemark reisen und mit ihren Volkstänzen, zu denen auch der Schuhplattler zählt, und mit authentischer Volksmusik das Publikum erfreuen.

Ein äußerst fruchtbarer Kontakt war und ist der Kontakt mit der Kopenhagener Volkstanzgruppe “Hjemstavns Folkedanserne“, der beim Bundesvolkstanztreffen 1977 zu Stande kam, als der Bayernverein der Kopenhagener Gruppe Quartier gewährte. Nunmehr sind 30 Jahre ins Land gegangen, in denen sich die Gruppen mehrmals gegenseitig besucht haben. So konnte der Bayernverein u.a. zweimal beim Internationalen Volkstanzfestival Kopenhagen teilnehmen, und die Kopenhagener Freunde waren u.a. 2001 in Stuttgart, wo sie gemeinsam mit dem Bayernverein beim Volksfestumzug teilnahmen und 2006 beim 100-jährigen Jubiläum des Bayernvereins, bei dem sie das Jubiläumswochenende mit Gautrachtentreffen in Untertürkheim bereicherten. Im April 2007 steht wieder ein Besuch in Kopenhagen an, diesmal um die 30-jährige Freundschaft zu feiern.

Aber nicht allein die Präsentation in der Öffentlichkeit und die Reisen prägten das Vereinsleben. Das Brauchtum, d. h. die Tänze und Schuhplattler, die Musik, der Gesang, das Kartenspiel usw. wurde lange Zeit vor allem im Verein in geselliger Runde bei Vereinsabenden und Übungsabenden eher locker “gepflegt“, da es noch genügend Mitglieder gab, die die überlieferten Tänze, die überlieferte Musik und Lieder “im Blut hatten“. Heute gestaltet sich das Vereinsleben schon schwieriger. Auch der Bayernverein muss - wie die meisten anderen Vereine auch - der heutigen Gesellschaft Tribut zollen. Der Anteil der Aktiven im Vergleich zur Mitgliederzahl wird geringer, der Altersabstand zwischen den Kindern bis ca. 15 Jahren und den Aktiven ab ca. 35 Jahren wird immer größer. Dennoch gibt es eine aktive Kinder- und Jugendgruppe, aus der mittlerweile auch neue Theaterspieler gewonnen werden konnten. Und es wird auch weiterhin geplattelt und getanzt, musiziert und gesungen. Die traditionellen “Pfingstausflüge“ zeigen, dass die Geselligkeit in Verbindung mit dem traditionellen Zeitvertreib immer noch hoch im Kurs steht.

Stellung im Ort Untertürkheim

Der Bayernverein ist im Ort Untertürkheim fest verankert. Im Rahmen der Gemeinschaft der Untertürkheimer Vereine nimmt er aktiv am “öffentlichen Leben“ in Untertürkheim teil, dem Weihnachtsmarkt, dem Fleggatreff, der Fleggaputzede und lange Jahre beim Weinfest. Im Jahr 2000 durfte er natürlich auch beim Festzug zu 800 Jahre Untertürkheim genauso wenig fehlen, wie 2005 bei der Feier zur „100-jährigen Eingemeindung Untertürkheims“. So war es auch selbstverständlich, dass der Bayernverein Untertürkheim bei seinem 100-jährigen Jubiläum 2006 beim Jubiläumswochenende, das Gautrachtentreffen mit „Musik & Tanz im Flegga“ mitten im Ortskern von Untertürkheim ausrichtete. Eine viel beachtete, sehr schöne, tanzfreudige und farbenfrohe Veranstaltung mit Volkstänzen, Schuhplattlern, Trachten und traditioneller Musik.

Zielsetzung des Vereins

Die Ziele des Vereins haben sich in der 100-jährigen Geschichte selbstverständlich verändert. Standen zu Beginn gegenseitige Unterstützung, Geselligkeit und landsmannschaftliche Vereinigung im Vordergrund (Vollmitglieder konnten nur “echte“ Bayern werden), kamen in den 20er Jahren die Pflege des Brauchtums und die Anschaffung der Miesbacher Tracht dazu, übrigens die klassische und am meisten verbreitete Nationaltracht der Bayern, nicht zu verwechseln mit den vielen verschiedenen bodenständigen Trachten, die es natürlich in Bayern auch gibt. An dieser Tradition wurde dann nach dem Krieg angeknüpft. Die Vereinsstruktur, die sich damals eingespielt hat, wird mehr oder weniger bis heute noch gepflegt. Allerdings hat sich in den letzten Jahren doch einiges geändert. Mit einem neuen Veranstaltungskonzept löste Theater & Tanz seit 2004 die Traditionsveranstaltungen Heimatabend bzw. Dirndlball ab. Nicht Vorführungen sollen im Vordergrund stehen, sondern das Mitmachen. Mit Theater & Tanz wird das Theaterstück in den Mittelpunkt gestellt, anschließend gibt es dann einen echten bayrischen Tanzboden mit traditioneller Tanzbodenmusik. Und hier sind auch alle Gäste eingeladen – nicht nur Insider – mitzutanzen. Die seither jährlich durchgeführten Veranstaltungen sind und waren sehr erfolgreich, wie beispielsweise 2007 mit dem "Niederbayerischen Musikantenstammtisch“ - einem besonderen Leckerbissen für Freunde traditioneller, aber auch dynamischer Volksmusik.

Daneben werden die Teilnahme an den verschiedenen Ortsfesten, die jährliche Ausrichtung von Waldfesten am Bärenschlössle bzw. im Feuerbacher Tal, vereinsinterne Veranstaltungen wie Vereinsabende, Tanzproben, die Weihnachtsfeier (inzwischen Jahresabschlussfeier), Kaffeekränzle und Preisschafkopfen weiterhin durchgeführt. Die Funktion des Vereins hat sich allerdings verändert. Bayerische Mitbürger, die nach Untertürkheim kommen, müssen nicht mehr unterstützt oder integriert werden, Geselligkeit und Unterhaltung findet man auch anderswo. Bleiben Freude am traditionellen Tanz und der traditionellen Musik, Freude und Interesse an der Tracht. Geselligkeit und Unterhaltung ist immer noch wichtig, ist aber nicht die einzige Motivation, einem doch eher unpopulären Hobby zu frönen. Der Spaß an der Sache, das Interesse am Leben der Vorfahren, die Überlieferung der Lebensart der Vorfahren, die Erkenntnis, dass dies alles verloren geht, wenn es diese Generation nicht schafft, das alles zu erhalten und zu (er)leben und an die nächste weiterzugeben, sollte genug Motivation sein in Sachen Brauchtum am Ball zu bleiben. Aufgabe wird es sein, die Tradition mit unserem modernen Leben in der Mediengesellschaft zu vereinbaren und zu zeigen, dass das Traditionsbewusstsein einen hohen Stellenwert genießt.

(2007)