Bayernverein „Edelweiß“ Untertürkheim e.V.

Historik

Es war sicher nicht nur der Wunsch nach Geselligkeit und Unterhaltung, die die 24 Landsleute aus Bayern im Januar 1906 dazu trieb, den Bayernverein „Edelweiß“ Untertürkheim zu gründen. Hauptmotivation zur Gründung dürfte der Wunsch bzw. die Notwendigkeit zur Integration in der neuen Heimat gewesen sein, die gegenseitige Unterstützung, die sich die bayerischen „Armuts-emigranten“ zu Teil werden lassen wollten und die Hilfe bei Wohnungs- und Unterkunftssuche für Neuankömmlinge. Dies und die Sehnsucht nach der verlassenen Heimat, den gewohnten Klängen der Sprache und der Musik führte zur Gründung des Bayernvereins Untertürkheim. Die Pflege des Brauchtums, d. h. die Pflege des Volkstanzes, der Volksmusik und des Volksliedes sowie die Erhaltung der Tracht wurde erst viel später, in den zwanziger Jahren, zum zentralen Thema. Leider ist aus den Gründerjahren sowie aus den Jahren bis Ende des 2. Weltkrieges nicht sehr viel überliefert. Die meisten Unterlagen fielen im 2. Weltkrieg einem Brand zum Opfer. Bekannt ist, dass während des 3. Reiches durch das Gleichstellungsgesetz aus dem Bayernverein Untertürkheim die Trachtengemeinschaft Untertürkheim wurde und dass die Auflösung des Vereins verhindert werden konnte. Wodurch dies geschah ist allerdings nicht überliefert.

Nach dem 2. Weltkrieg machten sich die Mitglieder daran, die Vereinsarbeit wieder aufzunehmen. 1946 erteilte die Militärregierung die erste Genehmigung zur Durchführung von Versammlungen und Übungsabende. In den 50er Jahren landeten wiederum viele Bayern auf der Suche nach Arbeit in Untertürkheim, was zur weiteren Stärkung der sehr erfolgreichen Plattler- und Volkstanzgruppe führte. So konnte sie in den 50er bis in die 70er Jahre hinein bei Preiswettbewerben des Südwestdeutschen Gauverbandes viele 1. Preise erringen und durch die Auftritte in der Öffentlichkeit zur Popularität des Bayernvereins beitragen.

Auch heute bilden die Plattler- und Volkstanzgruppe sowie die Kindergruppe das „Rückgrat“ des Vereins, indem sie ihn nach außen präsentieren. Es finden aber auch regelmäßig Rentnertreffen statt und die Freunde des bayrischen Nationalkartenspiels „Schafkopf“ frönen ebenfalls regelmäßig ihrer Leidenschaft.

Der Bayernverein ist jedoch nicht als einzelne Erscheinung in der schwäbischen Umgebung zu sehen. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts bis in die zwanziger Jahre hinein, wurden zahlreiche ähnliche Vereine gegründet, die sich zusammengeschlossen haben, zuerst im Bund der Bayernvereine, später dann im Südwestdeutschen Gauverband der Heimat- und Trachtenvereine, in dem die landsmannschaftlichen gemeinsam mit den schwäbischen Vereinen in Sachen Brauchtum zusammenarbeiten, und in dem Mitglieder des Bayernverein Untertürkheim seit fast 50 Jahren an maßgeblicher Stelle mitarbeiten.

Vereinsleben

Höhepunkte des Vereinslebens waren sicher die diversen Kontakte und Reisen zu anderen in- und ausländischen Trachtengruppen. So konnte die Plattler- und Volkstanzgruppe nach Rumänien, Frankreich und Dänemark reisen und mit ihren Volkstänzen, zu denen auch der Schuhplattler zählt, und mit authentischer Volksmusik das Publikum erfreuen.

Ein äußerst fruchtbarer Kontakt war und ist der Kontakt mit der Kopenhagener Volkstanzgruppe „Hjemstavns Folkedanserne“ durch den die Plattler- und Volkstanzgruppe schon dreimal nach Kopenhagen zum Internationalen Volkstanzfestival fahren konnte. Der erste Gegenbesuch der Gruppe fand 1985 statt, der zweite vom 21.-25.09.2001. Bei diesem Besuch war die Kopenhagener Gruppe zu Gast beim Bayernverein und hat gemeinsam mit ihm am Umzug anlässlich des Cannstatter Volksfestes teilgenommen.

Ein weiteres Highlight in der Geschichte des Vereins war 1977 die Teilnahme der Kindergruppe am Begleitprogramm der Kieler Woche. 1981/82 konnten im Rahmen der Städtepartnerschaft Stuttgart – Straßburg Kontakte zu einer Straßburger Volkstanzgruppe geknüpft werden.

Aber nicht allein die Präsentation in der Öffentlichkeit und die Reisen prägten das Vereinsleben. Das Brauchtum, d. h. die Tänze und Schuhplattler, die Musik, der Gesang, das Kartenspiel usw. wurde lange Zeit vor allem im Verein in geselliger Runde bei Vereinsabenden und Übungsabenden eher locker „gepflegt“, da es noch genügend Mitglieder gab, die die überlieferten Tänze, die überlieferte Musik und Lieder „im Blut hatten“. Heute gestaltet sich das Vereinsleben schon schwieriger. Auch der Bayernverein muss – wie die meisten anderen Vereine auch – der heutigen Gesellschaft Tribut zollen. Der Anteil der Aktiven im Vergleich zur Mitgliederzahl wird geringer, der Altersabstand zwischen den Kindern bis ca. 12 Jahren und den Aktiven ab ca. 30 Jahren wird immer größer, da es sehr schwer ist, die Jugendlichen über die Pubertät hinweg in einem Brauchtumsverein zu halten. Wo früher alle an einem Abend versammelt waren, gibt es heute mehrere Gruppen im Verein (Kinder, Tänzer, Rentner, Schafkopfer), die sich unabhängig voneinander treffen. Dennoch wird auch weiterhin geplattelt und getanzt, musiziert und gesungen. Die traditionellen „Pfingstausflüge“ zeigen, dass die Geselligkeit in Verbindung mit dem traditionellen Zeitvertreib immer noch hoch im Kurs steht. Die Aktivitäten der Kindergruppe sind auch nicht zu vernachlässigen: So konnten in den letzten Jahren Familienwochenenden organisiert werden, in denen neben Spaß und Spiel auch neue Tänze und Lieder gelehrt wurden, die vereinseigene Tracht vorgestellt und Referate etwa über Bräuche gehalten wurden.

Stellung im Ort Untertürkheim

Der Bayernverein ist im Ort Untertürkheim fest verankert. Im Rahmen der Gemeinschaft der Untertürkheimer Vereine nimmt er aktiv am „öffentlichen Leben“ in Untertürkheim teil, dem Weihnachtsmarkt, dem Fleggatreff, der Fleggaputzede und seit 36 Jahren am Weinfest. Im vorigen Jahr durfte er natürlich auch beim Festzug zu 800 Jahre Untertürkheim nicht fehlen. Ebenfalls konnte man im Jahr 2000 erstmals in der fast hundertjährigen Geschichte des Vereins am Palmsonntag eine kleine farbenprächtige Prozession bewundern: Die Kindergruppe des Vereins ließ ihre selbstgebastelten Palmbuschen in der Kirche weihen und nahm in Tracht am Gottesdienst teil. Ein Brauch, der auch hier in Württemberg seine Tradition hat und vielleicht durch die Aktivität der „reingeschmeckten“ Bayern in Untertürkheim wieder belebt werden kann.

Zielsetzung des Vereins

Die Ziele des Vereins haben sich in der fast 100-jährigen Geschichte selbstverständlich verändert. Standen zu Beginn gegenseitige Unterstützung, Geselligkeit und landsmannschaftliche Vereinigung im Vordergrund (Vollmitglieder konnten nur „echte“ Bayern werden), kamen in den 20er Jahren die Pflege des Brauchtums und die Anschaffung der Miesbacher Tracht dazu, übrigens die klassische und am meisten verbreitete Nationaltracht der Bayern, nicht zu verwechseln mit den vielen verschiedenen bodenständigen Trachten, die es natürlich in Bayern auch gibt. Diese Wahl der Miesbacher Tracht wäre ein eigener Punkt, den es zu erläutern gälte. An dieser Tradition wurde dann nach dem Krieg angeknüpft. Die Vereinsstruktur, die sich damals eingespielt hat, wird auch heute noch gepflegt. D. h. Der im jährlichen Wechsel stattfindende Heimatabend bzw. Dirndlball bildet die Hauptveranstaltung des Vereins in der Öffentlichkeit. Daneben die Teilnahme an den verschiedenen Ortsfesten, die jährliche Ausrichtung von Waldfesten am Bärenschlössle bzw. im Feuerbacher Tal. Vereinsinterne Veranstaltungen wie Vereinsabende, Tanzproben, die Weihnachtsfeier, Kaffeekränzle und Preisschafkopfen werden immer noch durchgeführt. Die Funktion des Vereins hat sich allerdings verändert. Bayerische Mitbürger, die nach Untertürkheim kommen, müssen nicht mehr unterstützt oder integriert werden, Geselligkeit und Unterhaltung findet man auch anderswo. Bleiben Freude am traditionellen Tanz und der traditionellen Musik, Freude und Interesse an der Tracht. Geselligkeit und Unterhaltung ist immer noch wichtig, ist aber nicht die einzige Motivation, einem doch eher unpopulären Hobby zu frönen. Der Spaß an der Sache, das Interesse am Leben der Vorfahren, die Überlieferung der Lebensart der Vorfahren, die Erkenntnis, dass dies alles verloren geht, wenn es diese Generation nicht schafft, das alles zu erhalten und zu (er)leben und an die nächste weiterzugeben, sollte genug Motivation sein in Sachen Brauchtum am Ball zu bleiben. Aufgabe wird es sein, die Tradition mit unserem modernen Leben in der Mediengesellschaft zu vereinbaren und zu zeigen, dass traditionsbewusste und -interessierte Leute nicht zwangsläufig von gestern sind.

(11/2001)

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Strümpfelbacher Str. 38
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